Rock am Ring 2014: Metallica und Iron Maiden on stage. Das letzte Mal am Nürburg-Ring. Eine Ära geht zu Ende. Und wer hatte Karten? Ich. Und wer hat sie verkauft? Wieder ich. Um mir die Blöße nicht zu geben, hatte ich allen gesagt, dass es mir wichtiger sei, beim Konzert der Big-Band unserer Schule selbst zu singen – zu lange hätte ich dem Leiter der Band schon zugesagt. Doch in meinem Inneren wusste ich, dass diese Ausrede mehr als fadenscheinig war: Eigentlich hatte ich einfach nur Schiss zu fahren. Schiss davor, wie es laufen würde. Hitze, keine geregelten Mahlzeiten, Stress, Menschenmengen… Für eine Essgestörte nicht gerade die Vorstellung von einem gelungenen Pfingstwochenende.

Deshalb war ich auch unglaublich froh gewesen, dass ich die Karte mit nur einem geringen Verlust bereits Anfang Mai wieder loswerden konnte. Im nächsten Jahr, sagte ich mir zum Trost. Im nächsten Jahr bist du auch dabei. Ein schwacher Trost, doch im Moment reichte er aus, um die Selbstvorwürfe und den Selbsthass wenigstens einigermaßen im Zaum zu halten.

 

Doch in dieser Woche brach mein Konstrukt aus „Sich-selbst-in-Schutz-nehmen“ und „Nächstes-Jahr-fährst-du“ durch die Nachricht zusammen: Rock am Ring wird nicht mehr am Nürburgring stattfinden. Aus, vorbei. Nie wieder werde ich die Chance haben, dieses Stück Geschichte mitzuerleben.

Was habe ich geweint, was habe ich mich selbst verflucht! Aber letzten Endes war es zu spät – die Karten waren weg.

 

Und so verbrachte ich diese Woche in einem stetigen Dauerzustand von mieser Laune und ebenso mieser Stimmung. Bis Freitagabend. Denn auch wenn es erst einmal nur eine Ausrede schien, um nicht fahren zu „müssen“: Das Big-Band-Konzert fand statt und es sollte mit mir stattfinden.

Auf einmal war alles wieder perfekt: Ich konnte mein neues Kleid anziehen, durfte mich stundenlang im Bad zurechtmachen und ich durfte endlich wieder auf einer Bühne singen. Wie lange hatte ich dies nicht mehr getan? Schon fast hatte ich vergessen, wie es sich anfühlt, wenn alle nur dich sehen und dir zuhören (und der Band natürlich ;)).

An diesem Abend habe ich gestrahlt wie ein Stern und ich habe jeden Augenblick genossen. Ohne auch nur eine Sekunde daran zu denken, dass irgendwo anders in Deutschland die Mengen gerade zu Metallica, LinkinPark oder Alligatoah den Abschied von Rock am Ring zelebrierten.

 

Dieser Gedanke kam mir erst, als ich selig lächelnd im Auto meiner Eltern saß. Und wisst ihr was? Er ließ mich völlig kalt. Denn eines ist mir bewusst geworden im Laufe dieser Woche: Ich hätte es sowieso nicht so genießen können, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich hätte nicht jeden Moment so auskosten können wie meinen Abend im Rampenlicht, auch wenn meine Bühne viel kleiner war als die Main Stage am Nürburgring und mein Auftritt einen viel geringeren Neidfaktor bei anderen hervorrief als ein Trip zu Rock am Ring.

In dieser Woche habe ich vor allem eines gelernt: Die kleinen Freuden auszukosten, die das Leben einem in die Hände spielt. Sie mögen Außenstehenden vielleicht viel geringer erscheinen, doch ist auch der Aufwand, sie zu erreichen und zu erhalten, die Energie, die man hineinsteckt, um einiges kleiner.

Doch wenn man sich selbst und dem Moment die Chance gibt, sich ganz hineinfallen zu lassen, kann auch eine kleine Freude über sich hinauswachsen und dir Erlebnisse bescheren, die jeden Verzicht wettmachen.

Selbst den verpassten Abschied von Rock am Ring.

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