„Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“

In diesen Tagen verfolgt mich der Anfang von Julia Engelmanns „One day/Reckonin‘ text“ wie mein Hund mich, wenn ich irgendetwas Essbares mit mir herumtrage.

„Und die Geschichten, die wir stattdessen erzählen, werden traurige Konjunktive sein.“, so die Psychologie-Studentin weiter und trifft mich damit schmerzhaft an meine empfindlichste Stelle:

Ich bin ganz ehrlich – auch wenn ich immer noch nicht mit Sicherheit weiß, was genau der „Sinn“ meiner Erkrankung ist – mit der Anorexie wollte ich wahrscheinlich ein Stück weit auch einfach eine Bremse in mein Leben reinhauen, welches zu dieser Zeit zu rasen schien. Ich hatte das Gefühl, in einen Zug gestiegen zu sein, der auf einmal viel zu schnell einen steilen Abhang hinunterrollte. Indem ich aufhörte zu essen, so  hatte ich gehofft, würde vielleicht auch die Welt anfangen, sich ein wenig langsamer zu drehen.

 

Doch die Welt hört nicht auf, sich zu drehen, nur weil ein Mädchen aufhört, zu essen. Die Zeit tickt gnadenlos weiter und das Mädchen wird immer älter. Aber dennoch ist sie durch die Magersucht wie in einem Eisblock gefangen – während all ihre Altersgenossen sich entwickeln, ihre Grenzen austesten, an Herausforderungen scheitern, wachsen und so erwachsen werden, besteht die einzige Grenze, an der das Mädchen sich reibt, die Grenze zwischen Leben und Tod, auf der so viele Essgestörte balancieren.

Und irgendwann ist sie dann eine Frau auf dem Papier. Sie wird ins kalte Wasser des Erwachsenenlebens geworfen ohne im Mindesten darauf vorbereitet zu sein. Ihre Magersucht hat sie so fest in Watte gepackt, dass sie den ganzen Prozess des Entwickelns, ihre Pubertät versäumt hat. Es ist eine wertvolle Zeit, die sie versäumt hat. Eine Zeit, die sich in dieser Form auch nie wieder nachholen lässt.

 

Und während alle anderen dann später von waghalsigen Eskapaden und atemberaubenden Abenteuern erzählen, wird sie daneben sitzen und sich fragen: „Wo war ich in dieser Zeit?“ Natürlich hat auch sie ihre Geschichte zu erzählen. Aber es ist nur die Geschichte eines Kampfes mit sich selbst, den sie vielleicht immer noch nicht gewonnen hat.

 

Ich habe Angst, später einmal diese Frau zu sein. Ich will später einmal das Gefühl haben, Teil dieser wundervollen, verrückten Generation Geil gewesen zu sein. Ich will, wenn ich erwachsen bin, meinen Kindern von furchtbaren Nächten und traumhaften Tagen (oder umgekehrt) erzählen.  Vor allem aber will ich später überhaupt noch da sein, um irgendjemandem irgendetwas zu erzählen.

 

Und deshalb habe ich heute den Antrag an die Krankenkasse geschickt – in meinen Sommerferien gehe ich zurück in die Klinik Lüneburger Heide. Um wieder Boden unter meinen Füßen zu bekommen, Kraft zu tanken, vor dem Abitur. Und um wieder zu lernen, wie kostbar diese Jahre des Erwachsenwerdens sind und sich die Energie zurückzuholen, diese so zu zelebrieren, wie sie es verdient haben.

Denn eines Tages werde ich alt sein. Und dann werde ich der Welt Geschichten erzählen, die den ganzen Aufwand wert waren.

 

bämm

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