Es ist Wochenende – Besuchszeit in der Klinik. Die Caféteria ist gefüllt mit Angehörigen der Patienten: Freunde, Partner, Großeltern und Eltern. „Kommen deine Eltern denn nicht zu Besuch?“, werde ich in diesen Tagen häufig von Mitpatienten und Therapeuten gefragt. Doch meine Eltern werden nicht kommen. Sie wohnen mehr als fünf Stunden mit dem Zug von mir entfernt – eine utopische Distanz für einen kurzen Nachmittagsbesuch in Bad Bevensen.

Aber traurig? Das bin ich über diesen Umstand trotzdem nicht. Denn trotz der immensen geographischen Entfernung habe ich in den letzten Wochen und Tagen das Gefühl, meine Eltern ganz nah bei mir und mit mir zu haben.

 

Ganz einfach aus dem Grund, weil sie mir vertrauen. Während meine Gedanken wie bunte Flipperkugeln durch meinen Kopf schießen und ich meine Entscheidungen alle fünf Minuten umschmeiße und wieder neu aufbaue, stehen sie hinter mir und sagen: „Ganz egal, was du machst, wir sind für dich da.“ Und wenn ich, zerfressen von inneren Zweifeln, frage: „Und  ihr seid mir wirklich nicht böse?“, kommt von ihnen eine Antwort, für die ich ihnen die Füße küssen könnte: „Nein. Es wäre falsch dir böse zu sein.“

 

Meine Therapeutin sagt mir oft, dass sie es kurios findet, dass ausgerechnet ein Mensch wie ich von einer Krankheit heimgesucht wird, die die Erkrankten einer vollkommenen Kontrolle unterwirft und sie abhängig macht von so vielen Faktoren wie Gewicht, Kalorien und Bewegung. In allen Facetten ihres Lebens.

Ein Mensch wie ich, der sonst dauernd in Angst und in Widerstand lebt: Angst davor, seine Unabhängigkeit zu verlieren und in Widerstand gegen Bevormundung und Kontrolle von außen.

In der Schule habe ich mit Freundinnen mal ein interessantes Gespräch darüber geführt, wie unsere Seele wohl aussehen würde. „Du bist ein rosaroter Schmetterling!“, hatte eine Klassenkameradin damals zu mir gesagt.

Ich, mitten in meiner rebellischen Schwarz-und-Böse-Phase, war zutiefst geknickt. Heute verstehe ich etwas mehr, was sie damit meinte:

Ja, manchmal bin ich etwas rastlos und naiv und tingele am liebsten von einem Ort zum nächsten, ohne wirklich zu wissen ob und was das Richtige ist. Wahrscheinlich wirkt es auf Außenstehende ungemein ziellos und daher kommt oftmals der Drang, mich bevormunden zu wollen.

Doch wenn du einen Schmetterling einfängst und einsperrst, verfällt er. Er braucht dieses Suchen nicht als Weg zu einem definierten Ziel, sondern als Lebensstil an sich.

 

Es muss für Eltern unheimlich schwer sein, seinem Kind bei diesem Herumflattern zuzuschauen. Gerade wenn es seit zwei Jahren auf diesem schmalen Grat zwischen (Über)Leben und totalem Absturz balanciert. Und schon mehr als einmal gefallen ist.

 

Umso dankbarer bin ich meiner Mutter und meiner Vater, dass sie mir jetzt diesen Freiraum lassen und mir die Chance geben, meine Unabhängigkeit soweit zu wahren, dass ich es im überwachten Kliniksystem aushalte.

Doch viel kostbarer ist ihr zweites Geschenk an mich: Ich kann in dem Bewusstsein handeln, auch trotz Fehlentscheidungen und Niederschlägen immer wieder an einen Anfangspunkt zurückkommen zu dürfen. Bei ihnen kann ich mich ausruhen, wenn ich Abstand von einer großen, lauten Welt brauche, die mich überwältigt.

Und ich kann die Kontrolle abgeben, wenn der Schmetterling genug hat vom rastlosen Tingeln und für einen Moment einfach nur Schutz und Geborgenheit braucht.

Denn nichts baut ein Kind mehr auf als jemanden, der ihm (und sei es nur am Telefon) ins Ohr flüstert: „Wir sind für dich da.“

 

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