Ich glaube, dass jeder Mensch Fixpunkte in seinem Leben hat: Immer wiederkehrende Jahrestage, an denen er den Lauf der Zeit festmacht. Tage, an denen er ganz kurz die Luft anhält und zurücktritt aus dem stetigen, linearen Strom des Lebens. „Was habe ich vor einem Jahr gemacht?“, fragt er sich dann. „Was hat sich alles verändert?“ Oder eine andere, beliebte Frage: „Wo ist nur all die Zeit hingegangen?“
Für mich ist der Advent, Weihnachten und auch Silvester eine Zeit, die voll von diesen Fixpunkten sind. Seit dem Beginn meiner Erkrankung waren diese Wochen für mich kurioserweise immer Zeiten des Wandels: 2012 bin ich damals frisch aus der Jugendpsychiatrie entlassen worden, fest davon überzeugt, dass die Magersucht gar nicht so ernst bei mir ausgeprägt war und ich darüber hinweg war.

Anfang Dezember 2013 hatte mein erster Aufenthalt in der Klinik Lüneburger Heide geendet. Ich war mir bewusst geworden, dass meine Krankheit mich fester in der Hand gehabt hatte, als ich es gedacht hatte, doch – ich hatte alles im Griff. Ich war wieder ganz die Alte: Selbstbewusst, laut, tatendurstig.

Beim Aufräumen habe ich ein Foto aus dem Januar des letzten Jahres gefunden.

Und bevor mein Kopf fähig war, die Zusammenhänge zu begreifen, hatten meine Lippen schon die Worte geformt: „Wo ist nur all die Zeit hingegangen?“

Es ist nur ein Jahr her, nur ein weiterer Klinikaufenthalt liegt zwischen den Mädchen auf dem Foto und dem Mädchen – der Frau, die ich jetzt bin.

1517649_627498243979651_1434198238_n       IMG_0032

Doch schon optisch trennen die beiden Welten. Würde man mich bitten, mich vor einem Jahr zu charakterisieren – es fiele mir nicht schwer:

Stark, wild, selbstbewusst, willensstark.

Und heute? „Eine Meisterin der leisen Töne“, sagt meine Oma. Zerbrechlich, sanft, nachdenklich, sagt meine Mutter.

Und was sage ich?

Ich sage, dass ich dazugelernt habe. Als ich vor einem Jahr zurück aus Bad Bevensen, aus der Klinik Lüneburger Heide kam, hielt ich mich für unbesiegbar. Ich habe meine Essstörung besiegt, also kann mir niemand mehr etwas, dachte ich.

Dass sie wie ein Bumerang zurückkam, hat mich Demut gelehrt.

Wahrscheinlich werde ich mein Leben lang – mal mehr, mal weniger – mit meiner Magersucht zu kämpfen haben.

Und vermutlich werde ich noch oft genug hinfallen oder meine Träume werden wie Seifenblasen zerplatzen.

Warum ich dennoch irgendwo ruhiger geworden bin?

Weil ich gelernt habe, dass die Einzige, die mich jemals so in die Knie gezwungen hat, ich selbst war, bin und jemals sein werde.

Irgendwie hat das etwas Beruhigendes.

Advertisements