Ich konnte gestern Nacht nicht schlafen. Was ziemlich erstaunlich ist, denn eigentlich kann ich im Moment beneidenswert gut schlafen: Zu  sehr verschlingt mein Alltag so kurz vor dem Abitur, immer auf einem schmalen Grat zwischen Perfektion und Absturz balancierend, all meine Ressourcen und lässt mich in der Nacht in einen tiefen, traumlosen Schlaf fallen. Kaum dass mein Kopf das Kissen berührt und ich die lavendelgeschwängerte Luft einatme.

Und trotzdem habe ich die komplette vergangene Nacht auf den kalten, harten Fliesen meines Schlafzimmers verbracht. Zusammengekauert in meinem weichen, blauen Bademantel, die Füße eng an den Körper gezogen. Ich weiß wirklich nicht, warum ich das getan habe und was mich auf einmal wieder daran erinnert hat, aber…

Wisst ihr, ich habe diesen Schuhkarton. Ein zerfledderter brauner Karton aus Pappe, der einstmals die riesigen Schuhe meines Bruders beherbergt hat. Ich liebe diesen Karton: Es ist meine persönliche Schatzkiste, gefüllt mit Reiseprospekten, Bildern, Ausdrucken und ausgeschnittenen Artikeln von Orten auf der ganzen Welt: Wanderkarten vom Rheinsteig, Stadtpläne von Hamburg, Reiseberichte über Bali.

All jene Orte, die ich irgendwann einmal sehen möchte, all jene Dinge, die ich eines Tages erleben möchte.

Ich hatte die Kiste im vergangenen halben Jahr nicht einmal in der Hand. Ich hatte sie unter mein Bett geschoben und vergessen.

Ich habe mir vorgespielt, dass mir nicht fehlen würde, damit ich weiter in meinem sicheren Kokon von Tag zu Tag leben konnte. Erstickt habe ich meine Freude an fremden Kulturen, meinen Hunger auf ferne Länder in Arbeiten, Häkelanleitungen und der Sorge, ob ich vielleicht ein paar Gramm zugenommen haben könnte.

Aber ich kann diesen Teil von mir nicht aufgeben: Das bin ich nicht. Und vermutlich werde ich das auch niemals sein.

Natürlich will ich Sicherheit.

Ich will hören, dass alles in Ordnung sein wird.

Ich will nicht aus meinen gewohnten Mustern gerissen werden; ich will nicht verunsichert werden.

Ich kann aber nicht beides haben. Es wird Zeit, sich von einer Illusion, von einem Lebensentwurf zu trennen? Sicherheit und Geborgenheit, Beständigkeit auf der einen Seite und die Suche nach Leben, das Reisen, das Entdecken auf der anderen.

Wenn ich mir das so anschaue… Dann wird das nicht die letzte schlaflose Nacht gewesen sein.

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