In den vergangenen sechs Tagen habe ich ziemlich oft geweint: Am Dienstag, aus Angst vor der Mathematikprüfung. Am Mittwoch, als ich ohne jeden Plan aus dem Vorbereitungsraum kam. Einige Stunden später, als ich meine Note bekam. Am Donnerstag, als mir die Note meiner Geschichtsprüfung und mein Abiturschnitt mitgeteilt wurde. Und am Freitag, nach meinem letzten Big Band Konzert. Aber immer der Reihe nach…

In dieser Woche standen die mündlichen Abiturprüfungen auf der Tilemannschule an. Da ich mich im März galant um das schriftliche Mathematik-Abitur gedrückt hatte, hieß das für mich: Auge in Auge mit dem schlimmsten Feind meines Abiturdurchschnittes: Mathe.

Wann immer es um irgendein entscheidendes Ergebnis ging, konnte ich mir sicher sein: Diese vermaledeite Naturwissenschaft sprang mir mit Anlauf von hinten in den Rücken und verbiss sich in meine Schwachstellen.

Ich hätte es wissen müssen, dachte ich, als ich von meiner Mathematiklehrerin aus dem Vorbereitungsraum geholt wurde und einfach keine Aufgabe gelöst hatte.

Jetzt half nur noch der Sprung ins kalte Wasser: Eine nach der anderen rechnete ich die Aufgaben „live“ vor – immer wieder mit kleinen Hinweisen der Prüfer.

Dass meine Mathematiklehrerin lächelte, als ich den Raum verließ, deutete ich als böses Omen: „Du blöde Kuh.“, dachte ich. „Da sitzt du jetzt und freust dich, dass du mir mein Abitur verdorben hast.“

Doch bei der Notenvergabe bereute ich diesen Gedanken schon. Ich schnappte nach Luft, Tränen schossen mir in die Augen: 12 Punkte – ich hatte in Mathematik 12 Punkte.

Viel Zeit zum Freuen blieb jedoch nicht, stand am darauffolgenden Tag doch schon die Geschichtsprüfung an. Ach ja, Geschichte: Nichts liebe ich mehr als den Geschichtsunterricht – eigentlich freute ich mich schon fast auf das Gespräch mit meinen Prüfern.

Als ich allerdings den Raum wieder verließ, war von Freude nichts mehr zu spüren: Noch nie hatte ich meinen Lehrer so streng erlebt.

Noch nie haben sich vier Stunden so lange hingezogen wie an diesem Morgen. Und auch während der Notenvergabe schien jeder Herzschlag eine Ewigkeit zu dauern. Bis ich endlich meinen Namen hörte. Und meine Note: „13 Punkte!“

Aus. Vorbei. Ziel erreicht. Schlagartig wich alle Spannung aus meinem Körper und ehe ich mich versah, lag ich auf dem Boden. „Besser sie kippt deshalb um als wegen einer schlechten Note!“, lautete der trockene Kommentar eines Mitschülers.

Freiheit schmeckt wie Cinzano Asti – denn damit stießen Laura und ich auf dem Parkdeck in der warmen Juni-Sonne an. Wir haben unser Abitur, wir haben es geschafft.

Freiheit klingt aber auch wie die beschwingten Töne unserer Big Band: Am Freitagabend fand unser Konzert statt – das letzte Mal, dass ich als eine der Sängerinnen auf der Bühne stehen durfte. „Ich bin stolz auf Sie, wie Sie das alles geschafft haben. Und auch Sie und die Big Band, das hat einfach gepasst!“, sagte meine Schulleiterin später im Gespräch. Sie ahnt gar nicht, wie recht sie hat. Nicht nur musikalisch. Auch und vor allem menschlich habe ich diese tolle Truppe so in mein Herz geschlossen.

Ich habe in dieser Woche oft geweint: Aus Verzweiflung, Erleichterung, Freude… Zuletzt habe ich am Abend nach dem Konzert geweint. Aus Dankbarkeit.

An meiner letzten Schule habe ich nämlich endlich etwas gefunden, was ich an all den Schulen zuvor gesucht habe: Das Gefühl, hier voll und ganz hinzugehören. Ich habe Freunde gefunden, die ich nie mehr verlieren möchte – ganz egal, wohin mein Weg mich auch führt.

Ich weiß ganz genau, dass ich die letzten Jahre auch nur überstanden habe, weil ich in dieser Schule einen solchen Rückhalt erfahren habe.

Ich wünsche mir so sehr, ihr eines Tages irgendetwas zurückgeben zu können. Und wenn es nur das Wissen ist, dass sich das alles gelohnt hat.

IMG_0381

Advertisements