Dieser Text geht an dich, Mann mit dem überdimensionalen Smartphone in der ersten Reihe des „Milow“-Konzerts gestern in Alzey. Ich hoffe sehr, dass du das hier liest. Weißt du eigentlich, dass du mich gestern beinahe in den Wahnsinn getrieben hast?

Kaum hat die Vorband, einer der Roadies oder später Milow selbst auch nur den kleinen Finger gerührt – schwupps, war dein Handy oben und alles, was die Menschen hinter dir sehen konnten, war der Abklatsch der großartigen Show, die sich auf der Bühne abgespielt hat.

Und das Traurige an dieser Geschichte: Du bist nicht einmal ein Einzelfall. Wenn man sich Aufnahmen von Konzerten ansieht, hat sich das Bild wenig geändert: Bei herzergreifenden Balladen recken die Zuschauer ihre Arme in die Luft, ein Licht emporhaltend. Eigentlich herzergreifend, oder?

Wenn wir jetzt aber etwas näher heranzoomen, dann war es das auch schon mit der Lagerfeuerromantik: Denn während früher die Feuerzeuge im Takt zur Musik gewiegt wurde, sind es heute die Fetischisten des „Ich-muss-das-ganze-Konzert-mit-meinem-Handy-aufnehmen“, die am nächsten Morgen mit Muskelschmerzen in ihrem Oberarmen aufwachen.

Sind wir doch einmal ganz ehrlich: Bei einem Konzert von knapp drei Stunden Länge kommt so eine ziemliche Menge an Bild-,Video- oder auch Tonmaterial zusammen. Aber wer zum Teufel schaut sich das alles noch einmal an? Was wollt ihr mit den tausenden Fotos von euren Stars? Eure Wohnung tapezieren?

Es wäre ja gar nicht mal so schlimm, wenn ihr mit eurem Wahn nur euch selbst um das ultimative Konzerterlebnis bringt – denn ein Konzert (vielleicht stehe ich mit dieser Meinung alleine da, aber ich riskiere es jetzt einfach einmal), ein Konzert bleibt mir nicht dann im Gedächtnis, wenn ich besonders viele Bilder davon machen konnte.

Ich erinnere mich dann besonders gerne zurück, wenn ich wirklich voll und ganz im Moment aufgehen konnte.

Welches Foto besitzt Aussagekraft genug, um die Gänsehaut zu beschreiben, die mir bei „Wind Me Up“ über die Arme lief?

Oder um das Strahlen einzufangen, dass alle bei „Ayo Technology“ in den Augen hatten?

Okay, ich verstehe, dass man solche Momente festhalten möchte. Ich habe mich ja selbst diebisch gefreut, dass Milow sich danach noch die Zeit für Small-Talk und Autogramme genommen hat ;).

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Aber manche Momente kann man nicht festhalten – sie sind eben nur: für diesen Moment.

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