Meine Mutter überrascht mich immer wieder mit dem, was sie sagt. Oder in diesem Fall: Mit dem, was sie von anderen gesagt bekommt.

Von außen betrachtet würde ich mich nicht gerade als das bezeichnen, was man im allgemeinen Sprachgebrauch meint, wenn man von „Vorbildern“ spricht:

Eine 19-jährige junge Frau, die noch bei ihren Eltern wohnt – aus vielen Gründen: Weil sie die Sicherheit eines Zuhauses noch braucht, weil sie durch die Verkettung unglücklicher Umstände noch an ihre Umgebung gebunden ist.

Eine Person, die eine Journalistin in der Zeitung einst als „zerbrechlich und zierlich“ beschrieben hat. Ein Mensch, der sich viel zu viele Sorgen um die Zukunft macht, an seinen eigenen Ansprüchen und seinem unbändigen Ehrgeiz schier erstickt und dazu noch einen bedauernswerten Hang zur Melancholie und zu Tagträumen hat. Und dann wäre da noch mein angeborener Dickkopf – keine besonders gute Eigenschaft, wie ich selbst gestehen muss.

So.

Das wäre dann ich, wenn ich mich einem fremden Menschen vorstellen müsste, ohne viel Schönfärberei zu betreiben, die in Selbstvorstellungen heutzutage eigentlich Usus ist.

Meine Mutter ist Erzieherin. Und dazu ist sie noch ein wunderbarer, gutherziger Mensch. Sie hat eigentlich immer ein offenes Ohr für ihre Mitmenschen und dafür bin ich wahnsinnig dankbar. Ich würde sogar so weit gehen und sie als mein persönlicher ‚Sokrates‘ bezeichnen.

Ernsthaft! Diese Frau hat die Hebammentechnik im Gespräch perfektioniert: Wenn ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehe – und das tue ich wahnsinnig oft nicht mehr -, genügt es mir im Regelfall, alle Puzzleteile zu ihren Füßen auszubreiten und sie dann, eines nach dem anderen, wieder vorsichtig einzusammeln. Und auf einmal passt alles wieder.

Und wenn meine Mutter dann etwas sagt, bleibt es hängen. So wie dieses Mal: „Weißt du eigentlich, dass ich den Müttern im Kindergarten immer von dir erzähle, wenn sie mir von Problemen mit schulfaulen Kindern klagen?“

Von mir. Der rebellischen, vorlauten und faulen Realschülerin, die mit Mühe und Not die 9. Klasse geschafft hat – um ihr Abitur mit 1,6 zu bestehen. Die heute sieben Sprachen, vier davon fließend, spricht und die der Tagesspiegel ausgewählt hat, um im kommenden Sommer zu den Paralympics nach Brasilien zu fliegen.

Manchmal frage ich mich, was es meiner Mutter so leicht macht, unter all dem Schutt und den Problemen, das zu sehen, was ich kann. Was ich gut kann.

Ich frage mich genauso oft, warum Menschen meinen Blog eigentlich lesen (eine Frage, die ich im Übrigen gerne an euch weitergebe). Wer bin ich schon, dass meine Gedanken lesenswert sind? Dass fünfzig Menschen mir regelmäßig folgen?

Mama sagt, dass meine Geschichte den anderen Frauen Hoffnung macht. Natürlich erzählt sie ihnen nicht alles. Dann sähe die Reaktion ihrer Gesprächspartnerinnen vermutlich ganz anders aus.

Dennoch: Irgendwie gefällt mir die Vorstellung – ich, als Hoffnungsträger.

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