„Du siehst aus wie ein Dodo, wenn du mit deinem Rucksack so durch die Gegend rennst. Deine dünnen Beinchen und dann so ein dicker Ranzen!“ Mittlerweile bin ich ja schon viele Assoziationen gewohnt: Stupsnase (eine Mitschülerin im Konfirmandenunterricht), Spatz (meine Oma), Model (ein guter Freund) oder immer wieder Vampir, Zombie, wandelnder Tod, Gespenst (allesamt meine Mutter).

Bevor hier jetzt Rufe der Empörung laut werden, muss ich meine Mutter an diesem Punkt wirklich in Schutz nehmen. Vermutlich ist es wirklich…hm… erschreckend, wenn man mich das erste Mal ohne Make-Up und den unzähligen Lagen an Kleidung sieht.

„Für jemanden mit einer Essstörung siehst du gar nicht mal so elend aus“, höre ich immer wieder von Menschen, die besser einmal den Mund gehalten hätten. Die meisten Magersüchtigen sind gut darin sich zu verstecken und ihre Krankheit zu kaschieren. Auch wenn die Verkleidung fast immer recht pragmatische Gründe hat: Ich friere schnell, daher trage ich unter meiner Jacke auch noch einen Pullover und ein Unterhemd. Und außerdem Hand aufs Herz – welche Frau geht schon freiwillig mit dunklen Schatten unter den Augen auf die Straße? Dafür muss man nicht einmal magersüchtig sein, um sich diese Tortur des ständigen „Geht es dir gut?“ ersparen zu wollen. Deshalb also der verzweifelte Versuch, nach außen hin gut auszusehen. Auf Dauer ist das wahnsinnig anstrengend.

Deshalb bin ich eigentlich unheimlich froh, wenn ich wenigstens zu Hause „ich“ sein kann. Oft geht der erste Gang, wenn ich nach Hause komme, ins Bad. Das Make-Up aus dem Gesicht wischen, den Schlafanzug anziehen. Was für mich eine riesige Erleichterung ist, gibt anderen Leuten die Gelegenheit das Elend in seiner vollendeten Form zu sehen. Unsere Gäste an Silvester müssen nicht schlecht gestaunt haben, als ich auf einmal ungeschminkt und im Pyjama zwischen ihnen saß. Ein Vampir, ein Zombie, ein Gespenst…

Oder eben ein Dodo. Auf Dauer kann es ziemlich frustrierend sein, immer wieder die gleichen Bemerkungen über das eigene Aussehen zu hören. Da fand ich den Ausdruck meiner Bekannten irgendwie schon… erfrischend. Ich bin lieber ein Dodo als der wandelnde Tod, wenn ich ehrlich bin.

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Aber ich verstehe meine Mutter, dass sie sagt, was sie sagt. Sie wäre keine gute Mutter, wenn sie einfach so darüber hinwegsehen würde, wie ich aussehe. Auch wenn ich mich nach einem solchen Kommentar gerne mal eingeschnappt oder beleidigt gebe – irgendwie zeigt es mir auch, wie sehr sie mich lieb hat. Mich, Nia – die Stupsnase, der Zombie. Der Dodo.

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