Jung fühlt man sich unsterblich – egal, wie zerbrechlich man in Wirklichkeit ist. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, mit Mitte zwanzig zu sterben. Aber ich habe nie daran geglaubt, dass ich es wirklich tun könnte. Auch mit Magersucht war der Tod für mich meilenweit entfernt. Bis er heute mit einer stupiden WhatsApp-Nachricht ganz nahe an mich herangerutscht ist:

„Erinnerst du dich noch an ******? Die Krankheit hat gesiegt…“ Ein ehemaliger Mitpatient aus Bad Bevensen ist gestorben. Ich will kein falsches Beileid. Ich kannte ihn kaum. Aber alleine die Tatsache, dass ich ihn kannte und dass er an dem gestorben ist, gegen was wir beide gekämpft haben…Alleine dieses Wissen bildet in meiner Magengegend einen dicken Klumpen, der seit gestern Mittag bei jedem Atemzug gegen mein Herz drückt.

Gestorben. An Magersucht. Wie furchtbar. Wie ungerecht. Tausende von winzig kleinen Bruchstücken schießen mir seitdem durch den Kopf und blockieren jeden klaren Gedanken. Wie ein Knoten hindern sie mich daran, auch nur ein einziges Mal frei auszusprechen, was ich wirklich denke. Also schreibe ich es auf. Eigentlich sind diese Worte hier für niemanden bestimmt außer für mich. Aber ich drehe durch, wenn ich es weiter mit mir selbst ausmache.

Denn was mir unaufhörlich Stiche in mein Herz versetzt, sind die Schleifen von Erinnerungen, die mein Unterbewusstsein immer wieder vor meinem inneren Auge ablaufen lässt. „Du hast ausgesehen wie eine Tote auf der Liege!“ Die Worte meiner Mutter, die sie vor drei Jahren ausgesprochen hat, hallen gnadenlos in meinem Kopf wieder. Ich will mir die Ohren zuhalten. Doch damit sperre ich ihren Hall nur noch tiefer in meinem Kopf ein. Und immer wieder dieses giftgrüne Zischen: „Das hätte dir auch passieren können!“

Falsch. Das kann mir immer noch passieren. Auf einmal spüre ich jedes einzelne Wehwehchen, an das ich mich im Laufe der Jahre so gewöhnt habe, mit einer ganz neuen Intensität: Die Rückenschmerzen, das Stechen im Herz nach einer kurzen Anstrengung, meine Kniescheiben, die beim Liegen gegeneinander reiben. Die namenlose Angst, die sich wie ein Tropfen Tinte im Wasser ausbreitet. „Ich will nicht sterben!“ Ich muss diese Worte einfach aussprechen, um nach so viel Panik wieder an Lebendigkeit zu gewinnen.

Aber ich habe bisher auch überlebt. Warum eigentlich? Ich glaube, dass ich einfach Glück habe. Ich habe Glück, dass ich noch so viel in meinem Leben vorhabe. Ich habe Glück, dass ich so viele Menschen kenne, denen ich nicht wehtun möchte. Und ich habe Glück, dass ich ein totaler Dickkopf bin – ich kann nicht verlieren. Ich will nicht verlieren. Am allerwenigsten das Leben, das noch vor mir liegt.

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