Ich bin schon seit einer Ewigkeit nicht mehr verreist – die Magersucht hat mir unter anderem genau das genommen, worüber ich mich jahrelang definiert habe: Die Neugierige, Tatendurstige, die Reisende.

Mein Praktikum in München vor zweieinhalb Jahren war das letzte Mal, dass ich weg von zu Hause war. Alleine, auf eigene Füße gestellt.

Erst vor wenigen Tagen habe ich einem Brieffreund gestanden, dass ich schon lange nicht mehr die bin, die ich sein möchte.

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Es passt zu der tragischen Komödie meines Lebens, dass ich genau einen Tag später mitten in der Nacht vor meinem Laptop kauerte und fieberhaft die letzten Sekunden einer Ebay-Auktion herunterzählte, bis ich endlich Gewissheit hatte: Ich fahre am 2. April nach Fulda, um „AVANTASIA“ in der Esperanto-Halle spielen zu sehen!

Ich muss verrückt sein. Der Gedanke schoss mir kurz vor dem Einschlafen noch durch den Kopf. Ich bin verrückt. Da meide ich seit Jahren so gut wie es geht, sämtliche Situationen, die dazu führen könnten, dass ich meinen Kokon auch nur für eine Nacht verlassen muss und bestelle dann auf einmal, ohne einen Gedanken an die Planung zu bestellen, Karten für ein Metal-Konzert. Wo ich doch genau weiß, dass Fulda nicht gerade in der Nachbarschaft liegt.

 

Meine Kinder- und Jugendtherapeutin, bei der ich bis vor Kurzen noch in Behandlung war, hat mich einmal mit einem Sportwagen verglichen, der von einem ängstlichen Fahranfänger gesteuert wird: „Du hast bestimmt 500 PS und stehst dauernd mit dem Fuß auf der Bremse!“

 

Sie könnte recht haben. Ich korrigiere mich: Sie hat Recht. Ich habe viel zu viel Angst davor, mit 200 Sachen vor eine Wand zu fahren – einfach, weil ich mich mehr getraut habe als eigentlich gut für mich ist.

Was letzten Endes darin resultiert, dass ich mich, zumindest was das Reisen betrifft, gar nichts mehr traue.

 

Aber manchmal geschieht es eben doch: Ein Moment von Unachtsamkeit, ein kurzer Kontrollverlust und der Fuß rutscht vom Bremspedal. Und genau das sind diese Momente, in denen ich mich selbst überrumple: In denen ich spontan einen Tagesausflug auf irgendeine Veranstaltung unternehme; mir Klamotten kaufe, die ich persönlich wunderschön finde, die aber eigentlich viel zu ausgefallen sind (Okay, die weiße Korsage habe ich wieder zurückgeschickt) -.-.

Oder in denen ich mir auf einmal Karten für ein Konzert kaufe, obwohl ich riesige Angst vor einer Wochenendreise habe. Ganz alleine.

 

Ja, richtig gelesen: Ich habe Angst vor einem kleinen Trip, einer einzigen Übernachtung. Und noch viel öfter habe ich Angst vor meiner eigenen Courage, die mich solche Dinge überhaupt erst anzetteln lässt.

 

Aber irgendwie fühlt es sich dieses Mal anders an. Denn dieses Mal mischt sich diese Angst mit einem anderen Gefühl, welches seit dem Erhalt der Karte meinen Brustkorb ausfüllt: Ich freue mich wahnsinnig. Ich freue mich so sehr auf dieses Konzert, dass ich mit einem fetten Grinsen im Gesicht durch Frankfurt laufe und singen möchte.

Vielleicht sollte ich in Zukunft öfter mal den Fuß von der Bremse nehmen, denke ich so oft in diesen Tagen. Es hört sich so einfach an, fühlt sich als Gedanke so verlockend an.

Manchmal macht mir auch das Angst. Ich weiß ganz genau, dass dieses Empfinden jeden Tag umschlagen kann. Ich werde nicht immer so mutig sein, aller Ängste zum Trotz einfach das zu tun, was für andere Menschen in meinem Alter beinahe normal ist: Reisen, Konzerte zu besuchen…

 

Aber alleine die Tatsache, dass ich mich dieses Mal getraut habe: Alleine das lässt mich strahlen. Und hoffen. Vielleicht gehört sie mir eines Tages ja doch, die weite Welt…

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