Vor Kurzen habe ich mit einer australischen Brieffreundin über das Thema “Familie” und “Heimat” philosophiert. Sie, die schon in fünf Ländern auf drei Kontinenten gelebt hat, erzählte mir, dass sie (obwohl sie dort geboren und aufgewachsen ist) niemals England als ihre Heimat wahrgenommen hätte. Stattdessen ist es Australien, das Land, in welches sie erst für ihr Studium gezogen ist, wo sie sich irgendwie „angekommen“ und „zu Hause fühlt“.

Beinahe fühle sie sich schuldig, dass sie einfach keinerlei Gefühle für das Land hege, in dem sie groß geworden sei.

 

Ich verstehe sie da ziemlich gut: Wenn ich ehrlich bin… Würde ich aus meinem Heimatort wegziehen – ich würde ihn nicht vermissen, weil ich dann aus meinem Heimatort wegziehen würde. Ich gehöre wirklich nicht zu diesen patriotisch veranlagten Menschen, die sich voll und ganz mit ihrer Heimat identifizieren können. Eigentlich hält mich nicht viel hier – ginge es nach mir, könnte mein Elternhaus genauso gut woanders stehen.

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Und um noch ehrlicher zu sein: Was familiäre Bande betrifft, sehe ich es ganz genauso. Nennt mich grausam oder desillusioniert (was im Übrigen schon genug Menschen getan haben), aber ich glaube fest daran, dass Familie nichts anderes als ein riesiger Zufall ist. Ich meine, letzten Endes… Wenn wir auf die Welt kommen, was verbindet uns mit den anderen Mitgliedern unserer Familie außer mehr oder weniger den gleichen Genen?

Verfechter der „Familien müssen doch zusammenhalten“-Fraktion mögen jetzt sagen, dass es viel mehr ist als nur die Gene, die eine Familie verbindet. Die gemeinschaftlich erlebte Freude, das geteilte Leid, – aber wenn wir ganz ehrlich sind: Wir würden mit jedem Menschen, mit dem wir so lange so eng zusammenleben, irgendwann eine wie auch immer geartete Beziehung eingehen. Das macht das Zusammenleben nämlich entschieden einfacher. Und ohne mich dabei ausnehmen zu wollen: So sind wir Menschen eben – wir wählen gerne den Weg des geringeren Widerstands. Oder den Weg, der einfach so komfortabel und ausgelatscht ist, weil schon zig Generationen vor uns ihn beschritten haben.

Aber was ist, wenn wir uns mal durchs Gebüsch schlagen und uns mit einer ziemlich unbequemen Frage auseinandersetzen: Muss ich mit aller Kraft versuchen, meinen Platz in einem familiären Konstrukt zu finden, nur weil es gesellschaftskonform ist?

Ich habe mir ziemlich lange gewünscht, dass ich eine Bilderbuchfamilie wie in diesen alten amerikanischen Filmen habe. Dass wir dauernd gemeinsame Ausflüge unternehmen, miteinander Zeit verbringen und uns furchtbar lieb haben. Du meine Güte, ich merke schon beim Schreiben dieser Zeilen wie furchtbar klischeehaft und unrealistisch das eigentlich klingt…

Jedenfalls gibt es kein prädeterminiertes Gen, welches uns auf immer und ewig zusammenschweißt. Familie ist immer noch auf irgendeine Art und Weise ein opportunistisches Produkt, was funktioniert, weil es funktionieren MUSS.

Das klingt erst einmal ziemlich traurig und tatsächlich ein wenig desillusionistisch, aber wenn ich ehrlich bin, finde ich den Gedanken auf eine Art auch irgendwie entspannend: Ich bin ich und vor dem Familiennamen steht immer noch mein Name.

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Nicht, dass ich meine Familie nicht liebe und ich bin auch froh, dass es sie gibt. Aber ich glaube nicht, dass wir eine große Ausnahme bilden: Es sind die gemeinsamen Erlebnisse und Geschehnisse, die unsere Verbundenheit ausmachen. Und nicht die Gene. Und so sehr ich meine Familie liebe und schätze: Ich glaube nicht, dass ich meinen endgültigen Platz in deren Schoß gefunden habe.

Denn desto mehr ich mich angestrengt habe, all das zu bekommen, was ich wollte – mehr Unternehmungen zusammen, mehr Gespräche, mehr Familienleben eben – desto mehr habe ich herausgefunden: Ich hasse Familienfeste eigentlich.

 

 

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