Ich liebe antike Legenden und Erzählungen: Die nordische Edda, die Geschichten über den Pantheon der Griechen oder der Römer – tatsächlich finde ich die Intrigen aus Eifersucht und Leidenschaft, die Eskapaden des Zeus oder die tragischen Liebschaften zwischen Götterkindern und Sterblichen alle weitaus sympathischer als die Vorstellung eines makellosen Gottes, der für all seine Schöpfungen nur gütige Liebe und milde Gnade empfindet. Sind wir doch einmal ehrlich: Wie soll ein Gott über das Leben der Menschen bestimmen, wenn ihm die Emotionen und Beweggründe aus denen wir handeln, so fremd sind? Aber mit diesem Thema könnte ich vermutlich Bände füllen und hätte noch immer nicht alles gesagt. Vielleicht schreibe ich auch darüber irgendwann einmal einen Blogpost. Aber nicht heute. Heute möchte ich euch von einer Geschichte erzählen, die mich ziemlich zum Grübeln gebracht hat:

 

Nach gewonnen Schlachten pflegten die großen Feldherren auf seinem Streitwagen und mit einem Lorbeerkranz gekrönt durch die Straßen Roms zu ziehen. Es soll ein gewaltiges Spektakel gewesen sein: Das ganze Volk soll dem ruhmreichen Imperator zugejubelt haben. Für diesen gewiss ein Spektakel, bei dem er leicht übermütig hätte werden können. Denn wer kann schon auf dem Boden der Tatsachen bleiben, wenn man von einem ganzen Reich beinahe zu einem Abgott erklärt wird? Es heißt, dass daher immer ein Sklave hinter ihm auf dem Streitwagen gestanden habe. Ein Sklave, der ihm stetig zugeflüstert habe: „Bedenke, dass auch du sterblich bist.“

 

Ich weiß nicht, ob diese Anekdote so Hand und Fuß hat. Vermutlich raufen sich sämtliche Historiker unter euch gerade die Haare ob meiner kindlich-naiven Vereinfachung. Aber das ändert nichts daran, dass diese Legende mich noch lange beschäftigt hat. Gut, eigentlich beschäftigt sie mich immer noch, denn sonst würde ich nicht darüber schreiben.

Denn was mir schon damals in der Klinik in Bad Bevensen aufgefallen ist: Merkwürdigerweise haben oft die talentiertesten, einfühlsamsten und wundervollsten Menschen Probleme mit sich selbst. Magersucht, Depressionen, Selbstzweifel…

Natürlich will ich das nicht pauschalisieren. Ich habe im Laufe meines Leben auch schon genug Genies kennengelernt, denen es (zumindest soweit ich weiß) an nichts fehlt und habe auch in der Psychatrie, in der Klinik für Essstörungen und im Krankenhaus die ein oder andere… mehr oder wenige angenehme Person kennengelernt.

Aber im Großen und Ganzen kann ich dennoch guten Gewissens sagen: Es trifft leider viel zu oft die Falschen.

 

Ich habe ziemlich lange nach dem „Warum“ gesucht. Es würde mich auch heute noch interessieren, warum meine Psyche eines Tages entschlossen hat, krank zu werden. Als „es“ anfing, hatte ich eigentlich alles: Einen tollen Abschluss gemacht, ich hatte eine Zusage für das Oberstufengymnasium, welches ich schon immer besuchen wollte. Eigentlich war ich wahnsinnig glücklich mit meinem Leben. Eigentlich gab es keinen Grund, krank zu werden.

Aber seitdem ich diese Erzählung kenne, quält mich diese Frage nicht mehr ganz so stark. Natürlich ist auch das wieder arg vereinfachend und mittlerweile kenne ich sehr wohl einige Baustellen in meinem Leben, die mich eventuell zu Fall gebracht haben könnten. Aber irgendwie finde ich diese Erklärung auch ungemein tröstend: Vielleicht bin ich ja auch einfach krank geworden, um mich selbst davor zu bewahren, übermütig zu werden.

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Alles Liebe,

Eure Nia

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