Ich glaube, was psychische Krankheiten so schwer greifbar macht, ist die Tatsache, dass sie (erst einmal) keinerlei körperliche Auswirkungen haben: Niemand sieht dir zunächst einmal an, dass nachts die Angst dein Herz in einem eisernen Schraubstock hält; dass Gedanken wie lästige Fliegen immer wieder ums Essen, das Gewicht oder deinen vermeintlich viel zu dicken Bauch kreisen. Dass die Zweifel wie brennende Flammenzungen Tag für Tag aufs Neue an deinem Selbstvertrauen lecken.

Nein, erst einmal sieht dir niemand an, dass du Depressionen, Magersucht oder Panikattacken hast.

Natürlich: Einige von euch werden mir jetzt vermutlich widersprechen. Irgendwann sehen deine Mitmenschen die Schatten unter deinen Augen, deinen mageren Körper oder die tiefen Sorgenfalten auf deiner Stirn. Doch wenn es so weit ist, ist es viel zu spät. Und du vermutlich schon längst ein Meister der Selbsttäuschung.
Sind wir doch einmal ganz ehrlich: Die meisten Menschen, die an psychischen Krankheiten leiden, sind großartig darin, diese vor ihrem Umfeld zu verbergen. Ein Lächeln aufgesetzt, ein fröhliches „Mir geht es gut!“ und das ganze Elend verschwindet hinter einer Maske aus Normalität. Vor Kurzen habe ich ein altes Tagebuch von mir durchgelesen: „Ich will doch nur, dass sie sich keine Sorgen machen“, habe ich geschrieben.

Ja, ihr habt richtig gelesen: Auch ich bin eine gewaltige Hochstaplerin. Zwar spreche oder besser gesagt, schreibe ich auf diesem Blog ganz frank und frei über meine Magersucht und was sie mit und aus mir gemacht hat. Aber da ist es dann auch schon wieder: Das Motiv der Maske. Denn ohne den schützenden Bildschirm, der zwischen mir und der großen, weiten Welt liegt, würde ich mich das vermutlich nie trauen.

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Manchmal glaube ich allerdings, dass ein wenig mehr Mut angebracht wäre. Denn genauso wenig wie du einen Beinbruch verbergen kannst, genauso schwierig ist das mit psychischen Erkrankungen. Das Leben geht nicht einfach weiter und du kannst nicht einfach weitermachen, wie vorher. Ja, ich gebe es hier jetzt ganz offen und ehrlich zu: Weil ich allgemein „etwas schwacher auf der Brust bin“, um die Worte meiner Großmutter zu gebrauchen, scheint auch mein Immunsystem desweilen non-existent. Ich bin öfter krank als alle anderen, die ich kenne, und fehle öfter in der Schule.

Bisher habe ich mir darüber gar keine Gedanken gemacht, wie das auf mein Umfeld wirken könnte. Bis mir zugetragen wurde, dass Mitschüler schon über mich redeten. Dass ich schwänzen würde, die Ausbildung nicht ernst nehmen würde.

Mich hat das sehr getroffen. Natürlich, ich kann ihnen keinen Vorwurf daraus machen – denn sie wissen nicht, was sie tun.

Nichtsdestotrotz: Zurück bleibt ein kleiner Stachel und die Frage: Hätte ich besser von Anfang an mit offenen Karten gespielt?

Es erfordert jede Menge Mut, sich zu outen, egal, in welcher Hinsicht. Mut, den ich im Moment leider nur virtuell aufbringen kann.

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