Natürlich: Ich hätte das Buch einfach ignorieren können. Es einfach dort im Bücherregal stehen lassen können oder es nach dem ziemlich eindeutigen Klappentext wieder zurückstellen können und weitergehen. Und ich muss auch sagen – im Nachhinein ärgere ich mich ein wenig, dass ich es nicht getan habe. Warum ich nicht daran vorbeigehen konnte? Vielleicht war es einfach mein nicht zu leugnender Hang zur Selbstschädigung, der mich die Memoiren einer Journalistin, die seit der Pubertät mit Magersucht zu kämpfen hat, lesen ließ (welch‘ Ironie des Schicksals, dass ich ausgerechnet auf diese Konstellation stieß!). Vielleicht war es aber auch einfach nur Neugierde und der Moment des Unglaubens, als ich auf die Tatsache stieß, dass besagte Journalistin ebenfalls für lange Zeit die Klinik Lüneburger Heide ihr zu Hause nennen durfte. Würde ich mich in ihren Erfahrungen wiederfinden? Würde ich bekannte Namen in ihrer Auto-Biografie finden oder zumindest die Typen von Diäthelferinnen, Therapeutinnen oder Krankenschwestern wiederfinden? Würde ich meine Wally Wünsch-Leiteritz, die stärkste Frau, die ich je kennengelernt habe und unanfechtbare Herrin über die Klinik wiedererkennen?

 

Es waren viele Gründe, die dazu geführt haben, dass mich das Buch beim Verlassen des Bücherladens mit nach Hause begleitet hat. Und dass ich mich abends mit einem nervösen Kribbeln im Bauch (beinahe wie vor dem ersten Date) auf dem Sofa niedergelassen habe und für Stunden zwischen seinen Seiten verschwunden bin.

Ich habe das Buch in einem Rutsch verschlungen. Ich habe gar nicht gemerkt, wie viel Zeit vergangen war. Oder dass ich auf einmal ganz feuchte Augen hatte und mir jetzt, wo ich mich endlich wieder bewegte, die Tränen über die Wangen liefen.

Ohne mich als großer Literatur-Kritiker aufspielen zu wollen: So berührend war das Buch wirklich nicht. Aber es waren die Erinnerungen an längst verdrängte Tage und Zeiten, die mich zum Weinen gebracht haben. Alles, was die Autorin geschrieben hat – es war viel zu nah an dem dran, was auch mich jahrelang ausgemacht hat.

 

In letzter Zeit habe ich es mir so wahnsinnig einfach gemacht. Es ist endlich Zeit für andere Dinge, habe ich mir gesagt. Und sämtliche Gedanken an die Magersucht in die Ecke gestellt. Ich würde mich dem Thema widmen, wenn alle anderen „wichtigen Probleme“ gelöst sind. Außerdem drängt es ja gar nicht so: Ich bin nicht krankhaft dürr – eher das, was Menschen gerne mit „zierlich“ beschreiben. Ich esse regelmäßig, treibe nicht den ganzen Tag Sport.

Dass ich wahnsinnig launisch und gereizt werde, wenn die Waage wenige hundert Gramm mehr anzeigt, vergesse ich gerne einmal. Dass ich selbst überall an meinem Körper Problemzonen sehe, die es in absehbarer Zeit zu beheben gilt. Oder dass meine letzte Pizza bald sieben Jahre her ist. Oder… Viel weiter will ich das hier auch gar nicht ausführen.

Klar, ich habe viele Fortschritte in den letzten Jahren gemacht. Ich habe mich selbst kennengelernt, mich von falschen Vorstellungen verabschiedet und angefangen, den Träumen zu folgen, die es wert sind, verwirklicht zu werden.

 

Nichtsdestotrotz: Ich bin ziemlich gut darin, nur das Schöne und Positive zu sehen. Alles andere zu ignorieren und zu übersehen. Ein wenig sauer auf das Buch bin ich schon, dass es mir für einen kurzen Moment mal wieder gezeigt hat, wie schnell mein kleines Wunderland wieder zerbrechen kann, wenn ich nicht aufpasse.

Und auch, wenn es vielleicht der falsche Weg ist – ich habe es weggeworfen. Ich konnte nicht anders.

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