Das Thema „Leitbild“ beschäftigt Chris Pohl nicht erst seit der neuen BLUTENGEL-Platte, die am 17. Februar erscheint. Wir sprachen mit dem Sänger über Engstirnigkeit in der Schwarzen Szene und die Radiotauglichkeit der Goth-Pop-Band.

Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs herrscht Vorfreude im Hause BLUTENGEL: Die Veröffentlichung des neuen Albums der Hauptstädter steht kurz bevor, am 17. Februar soll „Leitbild“ in den Plattenläden stehen. Erst vor wenigen Tagen kursierten erste Bilder der edlen Silber-Vinyl-Versionen in den sozialen Netzwerken. Auf das Original wartet Bandoberhaupt Chris jedoch auch noch gespannt. Sie seien erst beim Label eingetroffen, er selbst habe sie noch nicht in den Händen halten können. „Ich harre aber geduldig aus“, ergänzt er. „Die neue CD zu bekommen – das ist wie ein Kind kriegen.“ Auf eine ansprechende optische Präsentierung wird bei BLUTENGEL großen Wert gelegt. „Ich bin da sehr altmodisch“, gesteht Chris. „Wenn ich die CD einer Band kaufe, bedeutet mir die Band viel und dann möchte ich mir auch das Booklet in Ruhe anschaue.“ Die Optik spiele schließlich in der Schwarzen Szene eine besondere Rolle.

Optik. Ein gutes Stichwort für meine nächste Frage. Denn schon das Cover der neuen BLUTENGEL-Platte zeigt in seiner kühlen, klaren Aufmachung, dass die Berliner sich von jeglichen Klischeebildern wie Totenköpfen oder schwarzen Engeln entfernt haben. Ist da jemand erwachsen geworden? „Wenn ich anfange, Texte für ein Album zu schreiben, dann denke ich nicht darüber nach, einer Linie zu folgen.“ Dieses Mal habe er sich jedoch nicht zurückgehalten und „all meinen Frust beim Schreiben rausgelassen.“ Zwar distanziere BLUTENGEL sich davon, eine politische Band zu sein, so Chris, jedoch: „Es gibt Themen, die beschäftigen mich trotzdem.“ Aus all diesen Dingen und Einzelteilen habe sich schließlich dann „Leitbild“ als Titelthema ergeben. „Der nächste Schritt war dann auch die Pressefotos und die Aufmachung der CD diesem Motto anzupassen“, führt der Berliner mit der charismatischen Stimme weiter aus. Mit dem Ergebnis ist er voll und ganz zufrieden: „Natürlich ist es gewagt, wenn man sich von der bisherigen Linie so wegbewegt.“ Schon jetzt werde viel über den Stilwechsel von BLUTENGEL diskutiert, erzählt er. „Letzten Endes muss es aber für mich stimmen. Und das tut es mit diesem Album.“

Schon seit 27 Jahren bewegt er sich in der Szene: Das Thema Leitbild hat für Chris Pohl damit nicht nur eine aktuelle Relevanz. Dennoch habe sich diese Wahrnehmung für ihn in den vergangenen Jahren immens verstärkt, wie er erzählt: „Durch die sozialen Netzwerke bekommt man einen Menschen und seine Einstellung umso schneller mit – wie er denkt, was für eine Person er ist…“ Dabei falle ihm schon seit Längerem auf, dass viele blindlings irgendwelchen Vorbildern folgen. „Ich will, dass die Menschen endlich wieder ihr Gehirn anschalten und sich Gedanken machen, wem sie eigentlich wirklich folgen“, sagt Chris über seinen Anspruch. Sich selbst zu hinterfragen und sich ein eigenes Leitbild zu schaffen, um in der Sprache des Albums zu bleiben, dazu möchte er anregen. Wie sähe denn das Leitbild von Chris Pohl aus? „Das werde ich zur Zeit oft gefragt“, schmunzelt er. „Es gibt viele Werte, die mir wichtig sind: Individualität, Mitgefühl, Ehrlichkeit. Seine Meinung zu sagen – man kann damit auch anecken, aber ich finde es wichtig, sich selbst treu zu bleiben.“
Ein Wort, das in diesem Kontext eine Rolle spielt, ist „Mainstream“. „Das wird uns oft unterstellt, wenn eine Nummer etwas populärer wird“, so Chris. „Allerdings bin ich musikalisch sehr breit aufgestellt und mag auch poppige Sachen.“ So entstand beispielsweise auch der Titel ‚Lebe deinen Traum‘ – ein Lied, dem schon jetzt Radio-Potential unterstellt wird. „Aber wer sich näher mit unserer Platte beschäftigt, hört schnell, dass wir eines nicht tun: in der Masse untergehen. Und das ist ja das, was Mainstream eigentlich ist – ein Aufgehen und Mitlaufen im Trend.“
Mittlerweile störe er sich jedoch nicht mehr daran: „Ich bin das gewöhnt.“ Auf dem Lied ‚Waste My Time‘ rechnet BLUTENGEL mit eben diesem Dauerfeuer an Kritik ab, dem die Band sich an manchen Stellen ausgesetzt fühlt. „Ich verfolge das schon, was über uns geschrieben wird. Die Kritik ist manchmal berechtigt, aber es gibt auch Seiten, die uns aus oberflächlichen Gründen zerreißen – etwa, weil ich keine Kontaktlinsen mehr einsetze oder so.“

Spiegelt diese Oberflächlichkeit vielleicht auch ein wenig die Entwicklung der Schwarzen Szene in den letzten Jahren wider? „Die Szene hat sich grundsätzlich verändert“, resümiert Chris. Momentan sei sie unheimlich engstirnig. „Früher hat die Szene alles aufgesogen, was szenemäßig ist und war total tolerant und offen. Heute jedoch hat die Szene die Tür von innen abgeschlossen.“ Der Sänger vergleicht die Situation mit einer Aufnahmeprüfung in Szenekompatibilität, die Bands bestehen müssen. „Dadurch limitieren sich viele selbst, indem sie ein Album nach dem anderen produzieren, ohne etwas zu wagen“, stellt er fest. „Ich bin Teil der Szene und bin dort aufgewachen. Aber ich will mir dort nicht Schranken auferlegen lassen, denen ich durch meine Tätigkeit in der Szene eigentlich entgehen will.“ Früher sei diese Engstirnigkeit nicht derart präsent gewesen.
Dennoch fühle er sich in der Schwarzen Szene immer zu Hause. „Ich merke das immer wieder, wenn ich ganz normal durch die Straße gehe und denke, ich sehe überhaupt nicht szenig aus. Trotzdem schauen die Menschen mich komisch an.“ Auf Festivals wie dem MERA LUNA oder in Szene-Clubs zu sein, „das hat etwas von ankommen“. Vollkommen schwarz malt Chris die Zukunft für die Szene jedoch nicht: „Es gibt gute und schlechte Zeiten. Ich werde auch weiterhin mein Ding machen und denke, dass es ankommen wird.“

In diesem Jahr erscheint auch die Autobiographie von Chris Pohl, „Lebe deinen Traum“. „Angefangen mit dem Buch habe ich 2013“, erinnert Chris sich. „Es gab zwar schon Chroniken über mich, aber das waren nie meine Worte.“ Also habe er seitdem seinen Werdegang niedergeschrieben und auch seine Einstellung zur Szene in der Vergangenheit und der Gegenwart reflektiert. Ob man dies nun braucht oder nicht – dieser Frage schaut der BLUTENGEL-Virtuose gelassen gegenüber: „Ich habe es einfach gemacht. Die Leute, die mich besser kennen, werden feststellen, dass in diesen Worten genau der Chris steckt, der ich bin. Ohne Ghostwriter oder irgendjemanden, der meine Arbeit daran strukturieren wollte.“
Wer Chris und BLUTENGEL jedoch nicht nur auf CD oder Buchform erleben will, hat in diesem Jahr wieder Gelegenheit dazu: „Das hält die Beziehung frisch“, zwinkert Chris. „Es gibt viele Bands, die spielen dauernd. Ich finde es schöner, wenn die Leute sich darauf freuen, dass wir endlich wieder da sind.“ Die ständige Präsenz als Musiker behage ihm nicht: „Ich mag den Leuten nicht auf die Nerven gehen.“
Egal ob live oder auf CD, eine Sache liegt Chris jedoch besonders am Herzen: „Ich appelliere immer an die Menschen, dass sie ihren Kopf einschalten und nicht jedem blind folgen sollen. Es ist wichtig, dass wir andauernd hinterfragen und nachfragen!“

 

(Erschien zuerst bei Powermetal.de)

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