Es heißt, dass jungen Frauen, die an einer Essstörung leiden oder litten, oft wichtige Jahre der Adoleszenz fehlen – die Jahre, in denen andere Jugendliche zu einer erwachsenen Persönlichkeit heranwachsen, Grenzen austesten und überschreiten und aus ihren Fehlern lernen. Diese Zeit könne man leider nicht mehr aufholen, wenn sie einmal vorübergegangen ist und so geschieht es häufig, dass genesene Anorexie-Erkrankte aus ihrem Kokon der Umsorgtheit und Hilfsbedürftigkeit von einem aufs andere Mal ins kalte Wasser, in den Alltag einer Erwachsenen, geworfen werden.

Ich bin jetzt 18 – erwachsen, laut dem Gesetz. Seit ich 15 Jahre alt bin, bestand mein Dasein aus Kalorien- und Gewichtsangaben, aus Sport und irgendwelchen Diättipps, die den perfekten Körper formen sollten.

Zweieinhalb Jahre habe ich so verloren – wenn ich jetzt zurückdenke, kann ich mich nur noch an wenig erinnern. Vieles ist überschattet von einer dichten, dunklen Wolke, die die Anorexie in mein Leben gebracht hat.

Aber Ende August brach endlich ein Sonnenstrahl durch diese Wolke: Dreizehn Wochen habe ich in diesem Jahr in einer Klinik für Essstörungen verbracht und ich verdanke dieser Zeit und den wundervollen, liebevollen Menschen, die ich dort kennenlernen durfte, mein Leben.

Ich habe dort viele tapfere Mädchen und Frauen kennengelernt – viele von ihnen, die schon seit langer Zeit gegen das Monster in ihrem Kopf namens Magersucht kämpfen.

Fast alle von ihnen hatten nie die Chance, ihre Jugend so auszuleben und auszukosten, wie es eigentlich sein sollte – und fast alle von ihnen bereuten diese verpasste Zeit.

Ich habe gelernt, auch alltägliche Momente wieder in mein Leben zu lassen und auch sie schön zu finden und zu genießen. Eines Tages sagte mal eine gute Freundin zu mir: „Es ist zwar scheiße, dass man‘ s hat, aber dadurch lernt man wieder zu leben.“

Zwar spüre ich Tag für Tag, dass ich noch mitten im Lernprozess stecke und dementsprechend immer wieder neuen Rückschlägen und Herausforderungen ausgesetzt bin, aber alles in allem merke ich immer mehr, wie Normalität in mein Leben zurückkehrt. Für den ein oder anderen mag das erschreckend und langweilig klingen, doch für mich ist diese Normalität ein Geschenk – jeder Alltag ist etwas Besonderes, wenn er einem nur lange genug versagt blieb.

Ich weiß, dass ich nicht die Zeit zurückdrehen und diese kostbaren Jahre „sinnvoller“ nutzen kann, doch ich möchte die, mir noch verbliebenen Monate, so bunt und lebensfroh gestalten wie nur irgend möglich.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf habe ich für mich eine Liste erstellt – alles, was ich noch tun möchte: Von Kleinigkeiten wie „Etwas Kreatives erschaffen“ bis hin zu Abenteuern wie „Praktikum in München“.

Sinnlose Aktionen wie „Drei Tage wach bleiben“ gegen verantwortungsbewusstes Handeln wie „ehrenamtlicher Arbeit“.

Das bewusste Genießen von alltäglichen Tätigkeiten wie „Einen Kuchen backen“ oder dem ausgiebigen Testen eines Beautyprodukts, um sich die Zeit zu versüßen.

In diesem Blog möchte ich mich deshalb bei Weitem nicht nur auf die Anorexie beschränken: Vielmehr will ich allen, die im Moment vielleicht ihre Lust aufs Leben verloren haben, zeigen – es lohnt sich. Jeder Moment, egal ob groß oder klein. Egal wie weit unten du bist.

Für mich bedeutet das Niederschreiben dieser Erlebnisse und das Veröffentlichen im Internet schon fast eine Art Seelenstriptease und ich habe lange wachgelegen über der Frage, ob ich es wirklich tun soll.

Zugegeben… Ich bin mir noch immer nicht sicher, ob es so eine intelligente Entscheidung war… 😉

Von daher: Ich freue mich über jede Rückmeldung eurerseits. Schreibt mir einfach eine kurze Mail an nialebt@web.de oder hinterlasst mir ein Feedback in meinem Gästebuch. Ihr könnt davon ausgehen: Ich antworte zu hundert Prozent.

xoxo,

Nia

 

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