„Im Meer der Erfahrungen sollte man einmal auf den Grund tauchen.“

Irgendwie werde ich im Herbst immer leicht melancholisch. Ich fange an, nachzudenken. Über alles, was war, was momentan ist und was irgendwann einmal sein soll. Dabei grabe ich in letzter Zeit so viele alte Dinge aus. Wie die nachfolgenden Zeilen, die mittlerweile schon tatsächlich bald vier Jahre alt sind… Viel ist passiert seitdem – heute erschrecke ich eigentlich selbst darüber, wie ich damals gedacht habe. Ein gutes Zeichen, eigentlich. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich sie irgendwann einmal veröffentlichen soll. Was eigentlich paradox ist, bedenkt man die Tatsache, dass ich damit schon einmal zu einem Wettbewerb für junge Autoren angetreten bin. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, meine Schatztruhe für euch zu öffnen.

Eigentlich sollten diese Zeilen der Beginn eines Buches werden – ein Buch, in dem ich genau über das schreiben wollte, was anfangs die Intension dieses Blogs war: Über meine Ess-Störung. Über das, was Magersucht wirklich ist. Ich weiß immer noch nicht, ob ich mir damit einen Gefallen tue, wenn ich diese Gedanken allen zugänglich mache. Mir selbst vermutlich bestimmt nicht. Aber vielleicht all jenen, die selbst Bekannte, Freunde oder Familie haben, die damit kämpfen. Weil es ihnen vielleicht hilft, diese Menschen, die ihnen so wahnsinnig fremd geworden sind, zu verstehen.

Montag, 22. April

39 Kilo… Ein kleiner Teil von mir feierte in meinem Kopf eine regelrechte Freudenparty, als ich an diesem Freitagmorgen von der schwarzen Waage im Bad stieg. 39… Das entsprach einem BMI von knapp 15. Starkes Untergewicht. Leicht. Zu leicht?

Nein, flüsterte eine Stimme. Schön. Ich war erleichtert. Zumindest für heute würde ich von ihren Anschuldigungen, ein disziplinloses, faules Stück mit Neigung zur Fresssucht zu sein, verschont werden.

Stattdessen sah ich vor mir im Geiste das Bild eines dieser krankhaft dürren Magermodels, den Hungertod vor Augen. Eine Liste von Folgeschäden ratterte durch meine Gedanken wie der Abspann eines Hollywood-Blockbusters: Gelenkschmerzen, verlangsamter Herzschlag, Haarausfall, Lanugo-Flaum, Zahnfleischschwund, Organschäden… Mein Mund war trocken. Tod.

Ich sammelte die ausgefallenen Strähnen meiner blond gefärbten Haare von meinem Oberteil und drehte sie zu einer kleinen Wollkugel zusammen, die ich in den Mülleimer warf. Es wurden immer mehr. Doch dann schüttelte ich den Kopf. Niemals. Ich war noch meilenweit davon entfernt, ein Schicksal wie Isabelle Caro zu erleiden. Dazu ging es mir einfach noch viel zu gut – egal was sie alle sagten.

Ich warf einen letzten Blick in den Spiegel, bevor ich meinen Schulranzen griff. Schön. Elfengleich. Ich lächelte. Heute würde ein guter Tag werden.

 

Montag, 22. April, 20 Uhr abends

„Das Bad ist hier hinten und wenn du irgendetwas brauchst…“ Die Gesten der Krankenschwester hatten etwas Fürsorgliches. Wie sie mich anschaute, mit mir sprach: Fast, wie als schien sie Angst zu haben, dass ein falsches Wort, ein schiefer Blick genügte – und ich würde in tausend Teile zerbrechen. Müde winkte ich ab. „Schon gut.“ Mit einem fragenden Lächeln sah meine Begleiterin mich an. „Ich kenn das alles noch vom letzten Mal.“, setzte ich deshalb schnell als Erklärung hinterher. „Ach so.“ Die Stille schwebte kurz wie ein Gespenst zwischen uns und ich konnte mir nur zu gut vorstellen, was sie dachte:  Die nächste, die es einfach nicht einsehen will, wie kaputt sie ist… „Ist ja auch noch nicht so lange her.“, scherzte ich ein wenig hilflos, um die Stille zu überbrücken. „Im Januar.“ „Dieses Jahr?“ Ich nickte. „Ja.“

Mechanisch räumte ich meine Klamotten aus der Tasche, mit den Gedanken immer noch bei dem unschönen Vorfall am heutigen Morgen in der Schule: Zusammengeklappt war ich, meine Mutter hatte mich sofort abgeholt und zum Hausarzt gefahren. Die ganze Zeit über hatte ich ihr Bild noch vor Augen: Sie war kurz vorm Weinen gewesen, sah verzweifelt aus. Hoffnungslos. „Du hast wie eine Tote ausgesehen, als du da gelegen hast.“, hatte sie mir gesagt, die Stimme bebend vor unterdrückten Tränen. Ich wollte ihr nicht mehr wehtun. Ich wollte niemandem mehr wehtun – nie wieder.

Es war paradox: Einerseits hungerte ich mich fast zu Tode und tat das Bestmögliche, um meine Volljährigkeit nicht mehr zu erleben, aber andererseits war mein einziger Wunsch, den ich an alle anderen richtete: Bitte, bitte, überlasst mich meinem Schicksal, aber – macht euch keine Sorgen mehr um mich!!!

Mein Blick fiel in den Spiegel, als ich meine Kosmetika im Bad ausbreitete. Falten um den Mund, Augenringe, ein blasser, fahler Teint. Die Frau, welche mir dort in die blauen Augen – der einzige Teil von mir, auf den ich jemals stolz gewesen war – hätte ebenso gut Mitte Dreißig sein können. Verächtlich verzog ich die Mundwinkel. Noch mehr Falten bildeten sich in meinem Gesicht: Ein guter Tag.

 

Freitag, 3.Mai

Ich spielte wahrscheinlich nie so exzessiv Solitär wie in diesen beiden Wochen im Krankenhaus. Nicht, weil das Spiel mich so begeisterte oder ich mich langsam zur Spielsüchtigen entwickelte – es war ganz einfach meine persönliche Form von Therapie. Einfach die Finger beschäftigen, nicht nachdenken und meinen Gedanken freien Lauf lassen. Wahrscheinlich war ich deshalb so eine schlechte Spielerin und gewann so selten: Weil ich einfach nie bei der Sache war. Aber – um es zu meiner Verteidigung zu sagen: Die Gedanken, die mir während dieses Spiels durch den Kopf spukten waren schon sehr philosophisch – meine Psychotherapeutin und mein Philosophielehrer wären stolz auf mich.

An diesem Morgen allerdings waren meine Gedanken mal mindestens noch so blockiert, wie kurz nach dem gestrigen Anruf. Die Sekretärin der Klinik für Essstörungen hatte angerufen. Ich konnte kommen. Nächste Woche schon. Dienstagmorgen.

Ich versuchte, mich auf das Spiel zu konzentrieren: die rote Neun auf die schwarze Zehn, die schwarze Zehn auf die Herz-Dame. Doch wie eine wabernde Smog-Wolke schob sich ein Satz immer wieder dazwischen: Ich hab Angst. Auch wenn ich versuchte, mich abzulenken – er kam, wie ein Pferd bei einem nostalgischen Kinderkarussell, immer wieder an mir vorbei: Ich hab Angst, Angst, Angst…

STOPP! Ich legte meine Hand auf die Nüstern des Pferdes und brachte das Gedankenkarussell zum Stehen. Ich habe keine Angst. Das bin nicht ich. Es ist Ana, die Angst hat. Angst, zu verschwinden.

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